Premiere im SW-Fahrsport-Zentrum im aargauischen Scherz: Erstmals in der Schweiz absolvierte eine querschnittgelähmte Frau den anspruchsvollen Fahrbrevet-Kurs. Die abschliessende Prüfung hat sie - wie alle anderen Teilnehmer - mit Erfolg bestanden.
Über 200 Fahrtsportlerinnen haben sich seit der Einführung des Fahrbrevets vor fünf Jahren bei Willy und Silvia Stöckli aus- und weiterbilden lassen. Insgesamt 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich im diesjährigen Herbstkurs auf die Prüfung vorbereitet. Die Richter Ernst Saxer, Toni Heitzmann und Christian Mettier zeigten sich sehr erfreut über das hohe Niveau der Prüfungsabsolventinnen und -absolventen. Das Ausbildner Team mit Willy und Silvia Stöckli (eine der erst sechs Pferdesanitäter in der Schweiz) und Hanspeter Lustenberger äusserten sich auch sehr positiv über die ausgezeichnete Stimmung unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern.
Ihre Kenntnisse wurden im praktischen Fahren, in der Geschirr- und Wagenkunde, am Fahrlehrapparat, im Umgang mit dem Pferd, beim Vortraben und Verladen sowie in einem theoretischen Teil geprüft.
Fahren als Behindertensport
Besonders hervorzuheben ist die grossartige Leistung von Eveline Hegi aus Schottland. Für die junge Frau kommt das Fahren einem Behindertensport gleich. Sie erlitt mit 12 Jahren einen schweren Reitunfall und ist seither querschnittgelähmt. Dieses tragische Ereignis änderte aber nichts an Eveline Hegis Leidenschaft für die Pferde. Heute setzt sich die Arztsekretärin in ihrer Freizeit nicht mehrauf den Pferderücken, sondern auf den Kutschenbock. Willy Stöckli hat Eveline Hegis Marathonwagen umgebaut und speziell auf ihre Bedürfnisse angepasst. Der Fahrsportfachmann montierte einen neuen Fahrersitz mit zwei integrierten Sicherheitsgurten.Die Fussbremse wurde mittels Seilzug mit einer Handbremse verbunden.
Bumblebee: ein verlässticher Partner
Zusammen mit ihrem treuen Wallach Bumblebee und ihrer Kollegin Tanja Brudermann fährt Eveline Hegi, wenn immer möglich, aus. Das eingespielte Trio nimmt aber auch gerne an Plausch Fahrturnieren teil. Bumblebee, ein achtjähriger Schecke, gehört zur Rasse der .Irish Tinker'. einem in Irland gezogenen kleinen Kaltblut, das früher als eigentliches Zigeunerpferd galt. Wie gut sich die bei den Frauen und das brave Pony verstehen, ist augenfällig und sehr beeindruckend. Tanja Brudermann hilft ihrer querschnittgelähmten Kollegin beim Umsteigen vom Rollstuhl auf den Kutschenbock und umgekehrt. Da ist perfekte Teamarbeit gefragt, jeder Handgriffsitzt.
Blindes Vertrauen
Anspannen kann Eveline Hegi ihren Vierbeiner ganz alleine ohne fremde Hilfe. ,Bumblebee hatte von Anfang weg nie Probleme damit, dass ich mich mit dem Rollstuhl unmittelbar vor, neben und hinter ihm bewege versichert Eveline Hegi, die das Lachen trotz ihres Schicksals nicht verlernt hat. Wie gross das Vertrauen zwischen Mensch und Tier ist beweist auch die Tatsache, dass die 28-Jährige ihren Wallach an der Brevetprüfung ohne Unterstützung in den Anhänger verlud und ihn sogar an der Hand vortrabte. Eine beachtenswerte Leistung bot auch Max Renfer. Mit 76 Jahren war der Lenzburger der älteste Kurs- und Prüfungsteilnehmer